Sie sind hier: Start > Presse > Die Welt
 
ZurückVorwärts 1 v 2
 
 
 
   
 
 

Die Welt

Samstag, 25. Januar 1997

Kampf gegen den Fluch der Götter

Morgen ist Welt-Lepra-Tag: Zahl der gemeldeten Fälle erstmals unter der Millionengrenze – Erkrankte häufig ausgegrenzt

Von DIRK FÖRGER
und MARIANNE
GROSSPIETSCH

Berlin/Kathmandu – Ende November vergangenen Jahres wurde Ram Gurung ins Leprazentrum Shanti Sewa Griha in Kathmandu (Nepal) gebracht. Er war Mitte 40, hatte verstümmelte Zehen, seine Hände waren verkrüppelt und der Nasenrücken eingefallen. Verschmutzte, offene Wunden bedeckten seinen ganzen Körper. Vor 20 Jahren zeigten sich bei ihm die ersten Symptome der Lepra: Seine Haut bekam weiße Flecken, seine Zehen wurden gefühllos. Vier Jahre später wurde die Krankheit für alle Menschen sichtbar, weil seine Nase einfiel.

Da verstieß ihn das ganze Dorf. Denn Lepra gilt in dem hinduistischen Königreich Nepal als Fluch der Götter, als eine Strafe für schlimme Verfehlungen, die sich der Betroffene in einer früheren Inkarnation hat zuschulden kommen lassen. Die Männer der Gemeinde sperrten ihn in einen Käfig und stellten diesen in eine Höhle. Wie ein Tier wurde er in dem Käfig 16 Jahre lang zwar mit Essen versorgt, bekam aber keinerlei medizinische Hilfe.

Ram Gurung ist kein Einzelfall. In den am meisten betroffenen 16 Nationen der Welt kommen immerhin 4,7 Erkrankte auf 10 000 Einwohner. Insgesamt in 60 Ländern ist die schon in der Bibel als »Aussatz« beschriebene Krankheit ein Gesundheitsproblem. Und häufig werden die Erkrankten auch heute noch wie Aussätzige behandelt. So leiden diese Betroffenen nicht nur an den direkten körperlichen Folgen der Lepra, sondern vor allem auch an der damit sehr oft verbundenen gesellschaftlichen Stigmatisierung.

Dabei sind auch viele Menschen in der westlichen Welt nicht von Vorurteilen frei. Beispielsweise hält sich immer noch der Glaube, daß man sich leicht mit Lepra infizieren kann. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Denn im Grunde kann der auslösende Erreger, Mycobacterium leprae, nur durch sehr engen körperlichen Kontakt übertragen werden. Das ist bei direkter Berührung einer offenen Wunde, durch Tröpfcheninfektion oder durch Übertragung von der Mutter auf das Kind möglich. Aber selbst dann spielen noch die hygienischen Umstände und der Zustand der körpereigenen Abwehrmechanismen eine große Rolle.

Weil die Bakterien sich nämlich nur sehr langsam verdoppeln – im Gegensatz zu anderen Mikroben benötigen sie Wochen statt Minuten –, kann das Immunsystem gut gegen sie vorgehen. Der Körper wird also nicht durch eine ungeheure Anzahl von Erregern überschwemmt, wie das bei anderen Krankheiten der Fall ist. Allerdings war dieser für den Menschen an sich günstige Umstand auch eine Quelle für Vorurteile: Im Fall einer Ansteckung dauert es meist Jahre oder Jahrzehnte, bis Lepra tatsächlich ausbricht. Ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist daher schlecht zu knüpfen, das Leiden erscheint als eine »Strafe Gottes«.

 
 
ZurückVorwärts 1 v 2