Sie sind hier: Start > Presse > Frankfurter Allgemeine Zeitung
 
ZurückVorwärts 1 v 2
 
 
 
   
 
 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dienstag, 27. Oktober 1998

Von Ratten und Menschen

Eine Leprastation in Kathmandu / Wer einmal krank war, kann nicht mehr in sein Dorf zurück / Von Katrin Hummel

KATHMANDU, im Oktober. Als Ram Singh Gurung die ersten weißen Flecken auf seiner Haut bemerkte, machte er sich keine Gedanken. Als das Gefühl an diesen Stellen verschwand, weil die Nerven abgestorben waren, wunderte er sich. Und als Hände und Füße anfingen zu prickeln, machte er sich ernsthafte Sorgen. Er wußte: Der »Fluch der Götter« hatte ihn getroffen und für die Sünden bestraft, die er in seinem vorigen Leben begangen hatte. Er hatte Lepra.

Ram Singh wußte, daß die Bewohner es Dorfes im Süden Nepals, aus dem er stammte, nicht merken durften, was mit ihm geschah. Deswegen verbarg er die Krankheit, so weit es ging: Er verhüllte das faulende Fleisch, das entstanden war, weil aufgrund der abgestorbenen Nerven Schmutz und Bakterien in kleine Wunden eingedrungen waren, ohne daß er es bemerkt hatte. Als er die Krankheit nicht länger verbergen konnte, sperrten ihn die Dorfbewohner in einen eisernen Käfig, den sie in eine Höhle außerhalb der Siedlung stellten. Nahrung warfen sie dem Neununddreißigjährigen wie einem Tier zu und hofften, das Problem werde sich von selbst lösen.

Doch Ram Singh starb nicht. Ein Sozialarbeiter, der sich zufällig in der Gegend aufhielt und von dem Vorgang gehört hatte, fand ihn und brachte ihn in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu. In seinen Wunden hatten sich zu diesem Zeitpunkt Maden eingenistet, die sich von Eiter ernährten. Die Finger waren zu Stümpfen geworden, die Zehen nicht mehr vorhanden. Das Nasenbein hatte sich aufgrund einer chronischen Nasenschleimhautentzündung, unter der Leprakranke häufig leiden, aufgelöst, weil die Entzündung auf den Knochen übergegangen war.

Ram Singh hatte Glück. Man brachte ihn nicht zu den Bettlern am Fluß, sondern zu Shanti Sewa Griha, einer Leprastation in der Nähe des Flughafens. Sie wird von der Dortmunderin Marianne Grosspietsch geführt und beherbergt in zwei verschiedenen Einrichtungen insgesamt etwa 330 ehemalige Leprakranke, die nicht in ihre Dörfer zurückkehren können, weil sie wegen ihrer Krankheit ausgestoßen wurden. Zusätzlich zu den Wohneinheiten gibt es dort ein Krankenhaus mit Ambulanz für akut Kranke, eine Waisenstation und zahlreiche Werkstätten, in denen die Patienten etwa Holzspielzeuge herstellen, Teppiche weben, Bilder malen oder Briefpapier bedrucken. Finanziert wird Shanti Sewa Griha durch den Verein Shanti Leprahilfe Dortmund.

Ram Singh machte eine Chemotherapie, nach einigen Monaten war er geheilt. Auch die seelischen Wunden vernarbten langsam. Weil der Mann zu Beginn seines Aufenthalts bei den Mahlzeiten die Nahrung in sich hineingeschlungen hatte, als bekäme er nie wieder etwas zu essen, hatte man ihm wochenlang jeden Abend eine Schale mit Obst und Keksen ans Bett gestellt. Das Tier, zu dem er in der Höhle geworden war, zog sich zurück. Ram Singh hatte ein zweites Leben begonnen.

 
 
ZurückVorwärts 1 v 2