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Bogendra Sahu

 
 

Die meisten seiner Freunde bei Shanti haben eine ähnlich traurige Geschichte. Da ist Radika Mahji, die nicht weiß, wie alt sie ist. Sie wurde schon als Kind mit dem Erreger infiziert. Ihr Vater, ein Tagelöhner, und die beiden Geschwister hatten Lepra. Mit dem Vater und einer Schwester konnte sie sich in die Station durchschlagen, nachdem sie aus ihrem Dorf vertrieben worden waren. Die Mutter hatte die Familie verlassen – aus Angst, sich anzustecken. Nachdem Radika geheilt war, fand ihr Vater einen Mann für sie. Als der die Mitgift kassiert hatte, verschwand er. Nun hat Radika abermals geheiratet – einen Koch. »Nach der Hochzeit hat er eine Stelle bei uns bekommen, das ist bei Familienmitgliedern immer so«, sagt Grosspietsch. Von Gefühlen redet niemand.

Bogendra Sahu, 38 Jahre alt, ist immerhin noch verheiratet, wenn er seine Frau auch selten sieht, weil sie zu Hause im Dorf danach sehen muß, daß das Haus nicht enteignet wird. Als er es vor einigen Monaten wagte, sie zu besuchen, haben ihm ehemalige Nachbarn den Arm mit einem Stock gebrochen. »Die Täter wurden nicht gefaßt«, sagt er, »daran bestand wohl kein Interesse.«

An Lepra leiden vor allem die Benachteiligten – in Nepal und anderswo. Wenn das Abwehrsystem geschwächt ist, was besonders bei den Armen der Fall ist. Weil sie nicht genug zu essen haben und meist unsauberes Wasser trinken, erkrankt man besonders leicht. Erreger der Lepra ist ein Bazillus, der mit dem Verursacher der Tuberkulose verwandt ist. Auf der Welt, vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika, leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO etwa 1,3 Millionen Menschen an Lepra. Andere Quellen sprechen von bis zu zwölf Millionen Kranken. Mindestens zwei Millionen Menschen blieben nach dem Abklingen der Krankheit schwer behindert. Ursache für die Infektion ist das »Mycobacterium Leprae«, eine mit dem Tuberkulosebazillus verwandte Bakterie.

Geheilt werden kann Lepra innerhalb einiger Monate mit einer Chemotherapie. Schon abgestorbene Gliedmaßen können allerdings nicht gerettet werden, oft verschlimmert sich der Zustand der »Geheilten« noch weiter, weil sie kein Gefühl in den Gliedmaßen haben und Entzündungen daher nicht bemerken. Wenn etwa die Zehen erst einmal abgefallen sind, hat der Mittelfußknochen keinen Halt mehr und drückt sich durch die Fußsohle hindurch. Dabei entstehen eiternde Geschwüre. Um die Abszesse zu verbergen, tragen die Getroffenen häufig geschlossene Schuhe, in denen sich Wärme und Feuchtigkeit sammeln. Dadurch wird das Faulen der Gliedmaßen beschleunigt. »Wir sagen den Menschen, daß sie ihre Wunden säubern sollen«, sagt Marianne Grosspietsch und macht sich über den Erfolg solcher Anweisungen wenig Hoffnung. »Eigentlich müßte ich jeden Abend alle Füße kontrollieren.«

Ein Blick auf die Füße von Radika Mahji macht deutlich, was Grosspietsch meint: Sie sind geschwollen, Fliegen sitzen darauf. Als sie die Badeschlappen abstreift, wird ein Loch unter ihrem großen Zeh sichtbar. Das hatte sie selbst noch gar nicht entdeckt, sondern sich nur über die Schmerzen in ihren, Leisten gewundert. Eine andere Patientin zeigt einen verstümmelten Zeh: Der Gestank ihrer eiternden Wunden hat einige Nächte zuvor eine Ratte angelockt. »Als ich morgens aufgewacht bin«, sagt sie, »sah ich, wie sie meinen Zeh fraß.«

 
 
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