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Freitag

Stefanie Christmann 23. Juli 1999

Nichts ist so schön, wie umarmt zu werden

NEPAL »Shanti Sewa Griha« – ein Refugium für Leprakranke, die ansonsten mit Gewalt vertrieben werden

In Shanti sind alle Tiere schwanger. Daß jeder Elefant einen kleinen Elefanten im Bauch hat, ist keiner Rede wert, schließlich fliegen Blumen, Fische, tanzende Kinder und manchmal auch Elefanten in bunten Vogelbäuchen geboren munter durch die Luft. Die Maler, deren Finger oft nur noch einen Zentimeter messen, haben das um so größere Bedürfnis, in ihrer Phantasie alle Grenzen zu überschreiten. Sie lachen trotz eingefallener Nasen, trotz der Füße und Hände, die nur noch Stümpfe sind. Denn obwohl sie Lepra hatten – und in ihren Augen immer noch haben, weil Finger und Zehen ja nicht wieder nachgewachsen sind – haben sie wieder begonnen zu leben. Als soziale Wesen, inmitten von Menschen. Sie werden geachtet, verlieben sich wieder.

Es ist, als müßten sie ihr tägliches Staunen über ihr jetziges Leben mitteilen – und sei es in diesen vor Lebensfreude strotzenden, bunten, »schwangeren« Blechvögeln, die sie, für den Verkauf malen – von der Lust inspiriert, mit dem Pinsel Schönes gebären zu können.

Ram Singh Gurung war 16 Jahre …

1992 gründete Marianne Grosspietsch, eine inzwischen 55jährige Dortmunderin, Shanti Shewa Griha in Pashupatinath und – als es dort zu eng wurde noch eine zweite Siedlung etwas außerhalb von Kathmandu bei Budhanilkantha. 1974 hatte sie Puskal adoptiert, einen Siebenjährigen aus Nepal, dessen Familie leprakrank war. Als sie zehn Jahre später gemeinsam mit Puskal dessen Eltern besuchte, hatte die Lepra bereits deren Sehnerv zerstört, so daß sie ihren Sohn nicht mehr erkennen konnten. Marianne Grosspietsch beschloß daraufhin, daß sie etwas für die Leprakranken in Nepal tun müsse.

Außer in der Himalajaregion gibt es überall in Nepal Leprakranke, besonders viele aber in Kathmandu und im Terai. Sie hocken an Tempeln und Straßenkreuzungen im Dreck und betteln. Nicht die mit schmutzigem Stoff umwickelten Beinstümpfe hinterlassen beim Vorbeigehen das Gefühl, man hätte einen Schlag in den Magen bekommen – es sind vor allem die völlig apathischen Gesichter. So daß man sich über die wenigen Kranken freut, die einen zornig und böse anschreien, man solle ihnen gefälligst geben. Sie wirken menschlicher, auch wenn ihr Gesicht den Betrachter erstarren läßt.

Lepra bedeutet Aussatz. Wer die weißen Flecken auf der Haut an sich bemerkt, dann, Taubheit, danach Prickeln, zum Schluß eiternde Wunden an Zehen und Fingern – der versucht, die Krankheit so lange wie möglich zu verbergen. Selbst wenn es einen Arzt in der Region gibt, selbst wenn er mitunter umsonst behandelt, trauen sich viele – schon den Verdacht fürchtend – nicht hin. Das Dorf und selbst die eigene Familie setzen einen Kranken aus Angst vor Ansteckung sofort aus. Leprakranke werden aus den Dörfern geprügelt, in Steinhöhlen gesperrt, wo irgend jemand ihnen manchmal von Ferne etwas Essen zuwirft.

Ram Singh Gurung war 16 Jahre in einer solchen Höhle gefangen – und hatte Glück: Maden nisteten sich in seinen Wunden ein und verzögerten den Fäulnisprozeß. Schließlich befreite ihn ein Sozialarbeiter, der zufällig von ihm gehört hatte, und brachte ihn nach Kathmandu, zu Shanti.

Die meisten Leprakranken irren – immer wieder verjagt – durchs Land. Viele landen irgendwann im Moloch Kathmandu und dort an der Tempelanlage Pashupatinath. Hier, am heiligen Fluß Bagmati, werden Feste gefeiert und Tote verbrannt. Hierhin kommen auch viele Touristen, die diesen lebendigen Platz von einer erhöhten Aussichtsfläche aus beobachten. Aber daß dort auch Leprakranke leben, kann David, ein Tourist aus Irland, nicht glauben. Im Lonely Planet stünde darüber auch nichts.

 
 
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