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Wer jedoch früh in Pashupatinath ist, sieht die große Zahl der Leprakranken. Sie hocken in der Nähe der Tempel, an Stellen, die vor dem Monsun schützen. Vor der Kälte nicht. Hier betteln sie, sterben körperlich und seelisch immer mehr ab. Oder sie schleppen sich ein paar hundert Meter weiter zu Marianne. Marianne kennt jeder in Pashupatinath. Oft kommt sie morgens um sieben, wenn alle kalt und klamm sind von der Nacht draußen, mit Plastiktüten voll von heißem Fettgebackenem, von dem das Öl noch tropft. Während sie Gebäck verteilt, untersucht sie Verbrennungen, Entzündungen, Kröpfe, Star und immer wieder Lepra, bietet allen die Ambulanz von Shanti an, das Armenhospital.

55.000 Patienten zählte Doktor Singh während der letzten fünf Jahre in diesem Krankenhaus. Der erfahrene Diagnostiker, dessen freundliche Geduld den alten ausgemergelten Frauen ihre Würde läßt, wenn sie sich Schicht für Schicht aus ihren Lumpen pellen. Für Lepra-, TB- und Poliokranke bedeutet eine Untersuchung im Hospital oft Einzug, in Shanti.

Hinter Shanti steht die Idee, daß es nicht reicht, nur die Lepra zu heilen. Mit einer kombinierten Chemotherapie ist das zumeist in einem halben Jahr geschafft. Schlimmer sind die Traumata der Menschen, denen niemand nahe zu kommen wagte, die wie stinkender faulender Unrat mit den Füßen weggestoßen wurden. Grosspietsch: »Die Geheilten haben Ängste, in die wir nicht einmal denken würden. Unser Krishna von der Malerwerkstatt – seine Füße hat er fast ganz verloren, die Hände bis über die Fingerknöchel – hatte, als seine Frau schwanger war, die größte Angst, das Kind sähe genauso aus wie er. Als es geboren war, hat er ihm nicht ins Gesicht gesehen, sondern sofort alle Zehen und Finger nachgezählt, und danach hat er sich gefreut.«

Entscheidend ist, daß die Geheilten sich selbst wieder annehmen. Zurück zu ihren Familien können sie nicht mehr, zu tief sitzt auf dem Land die Angst vor Ansteckung.

in einer Höhle gefangen – und hatte Glück:

Bogendra Sahu wollte nach seiner Heilung zurück in sein Dorf im Terai, wo seine Frau lebt, wo er Haus und Felder hat. Aber als die Bewohner ihn sahen, schlugen sie in ihrer Angst vor vermeintlicher Ansteckung derart mit Stöcken auf ihn ein, daß sie ihm den Arm brachen. Jetzt bemalt Bogendra wieder Blechvögel in Shanti – und strahlt wie Kind und Mann zur gleichen Zeit, wenn man ihn mal eben drückt.

Alle Geheilten – Frauen und Männer – werden in Shanti Mitarbeiter. Zu tun gibt es genug: Kochen, Gemüse anpflanzen, auf der Krankenstation und im Kindergarten helfen, alle Krankenzimmer müssen innen und außen mit Blumen, Vögeln und anderen Motiven aus der Heimat der Künstler bemalt werden, damit Schönheit und Freude die schlimmen Erinnerungen vertreiben, damit sie selbst, die als gefährliches Aas Ausgesetzten, sich als die erleben, denen diese Schönheit gebührt. Sie sind stolz auf ihr schönes Zuhause.

Vor allem gibt es Arbeit in den Werkstätten, die für den Verkauf arbeiten: Weben, Briefpapier kleben, Schneidern, Spielzeug bauen. Für ihre Arbeit erhalten sie kein Taschengeld, sondern richtigen Lohn, je nach Schwierigkeit der Arbeit. Quittieren darf man nicht mit Daumendruck. Jeder lernt seinen Namen zu schreiben, damit er sein selbst verdientes Geld würdig in Empfang nehmen kann. Wer regelmäßig eine Stunde am Alphabetisierungskurs teilnimmt, bekommt ein freies Mittagessen. Shanti zahlt außerdem für alle Mitarbeiter, die nicht auf dem Gelände wohnen können, die Miete für Zimmer in der Nachbarschaft, Krankenversorgung, und Schulgeld für die Kinder. Manche kümmern sich um kranke Straßenkinder oder ausgesetzte Säuglinge, die irgendwer vor die Tür von Shanti gelegt hat. Auf dieser Insel der Gestrandeten werden die Neuankömmlinge schnell integriert, Ersatzväter und -mütter finden sich hier von allein, die Kosten übernimmt Shanti, bis Marianne Grosspietsch in Deutschland jemanden gefunden hat, der eine Patenschaft für das Kind übernimmt (50 DM im Monat).

 
 
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