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Rheinische Post
26. Nov. 1996
Christiane Herzog würdigt den Einsatz einer Frau
Ersatzmutter für viele
Leprakranke.
Von MARKUS HARBAUM
DORTMUND. Wenn Marianne Grosspietsch für den Lufthansa Jumbo
nach Kathmandu eincheckt, trägt sie mehrere Mäntel übereinander
und schleppt eine große Golftasche durch die Flughafenhalle,
prall gefüllt mit Medikamenten. »Sportgepäck wird
unentgeltlich befördert, und was ich am Leibe trage, wiegt
nicht mit«, erklärt die 52jährige Dortmunderin augenzwinkernd.
Seit sieben Jahren sorgt sie sich unermüdlich um leprakranke
Menschen in Nepal. Sie bringt Medizin und Kleider, baut an einer
Krankenstation, gibt den Ausgestoßenen ein Zuhause und bezahlte
Arbeit. Morgen wird die Ehefrau des Bundespräsidenten, Christiane
Herzog, am Rande des Staatsbesuchs ihre Mannes in Nepal, die Pflegestation
in den Reisfeldern am Fuße des Himalayas besichtigen. Sie
ehrt und unterstützt damit eine Einrichtung, die für Marianne
Grosspietsch längst zum Lebenswerk geworden ist.
Göttliche Strafe
Die Geschichte des Engagements beginnt 1974, als die Familie Grosspietsch
den achtjährigen nepalesischen Jungen Puskal adoptiert hatte.
Dessen Eltern waren Leprakrank. Bis zu einem Besuch 1986 war Puskals
Vater erblindet, er lebte ausgestoßen und gefangen in einem
isolierten Tal, aus dem es kein Entrinnen gab. Hunderte von Kranken
teilten und teilen sein Schicksal, darunter viele Kinder. »Lepra
gilt den Hindus als göttliche Strafe für ihr vorheriges
Leben. Darum hilft ihnen niemand«, berichtet die Dortmunderin.
Selbst Geheilte, die schwere Behinderungen und Verstümmelungen
zurückbehalten, würden nicht wieder in die Gesellschaft
aufgenommen. Die Menschen verlören daher jegliches Selbstwertgefühl.
Dem will Marianne Grosspietsch mit aller Kraft entgegenwirken. Daher
reicht ihre Arbeit weit über eine medizinische Grundversorgung
hinaus.
In der Krankenstation betreut der Arzt, ein Physiotherapeut, zwei
Schwestern und mehrere Assistenten täglich über 100 Menschen
ambulant, zusätzlich stehen 16 Betten bereit. Wo immer sie
kann, packt die 52jährige Deutsche mit an. Für die Waisen
ist sie Ersatzmutter, Sterbenden hilft sie in den letzten Stunden.
Die Leistungen des ganzen Teams haben sich herumgesprochen, inzwischen
werden nicht nur Leprakranke, sondern auch andere Patienten behandelt.
Die Geheilten finden in der Station Shanti Sewa Griha eine neue
Heimat, die keine religiösen oder ständischen Schranken
kennt. Kindern wird eine möglichst gute Schulbildung vermittelt.
Die Erwachsenen arbeiten oft trotz schwerster Behinderungen
gegen Lohn in den angegliederten Werkstätten. Sie schneidern,
drucken, stellen Spielzeug und Kunstgewerbe her, das in Dortmund
verkauft wird.
»Diese Einnahmen sind nur ein bescheidener Beitrag zur Finanzierung
des Projektes«, berichtet Marianne Grosspietsch. Die Hälfte
des Jahres weilt sie in Deutschland, um Spenden zu sammeln und Mitglieder
für den Förderverein zu werben. Denn 13 000 Mark kostet
die Leprahilfe jeden Monat, obwohl die »Action Medeor«
zentnerweise Arzneimittel unentgeltlich zur Verfügung stellt.
Auf Spenden angewiesen
Weder über ihre zeitliche, noch die gesundheitliche Belastung
klagt die Dortmunderin, die ihr jahrelanges Theologiestudium nun
mit praktischem Sinn erfüllt sieht: »Ich bin ein sehr
glücklicher Mensch«, sagt sie mit Blick auf die vielen
Kinder, denen sie ein Leben in Würde ermöglicht hat und
fügt hinzu: »Wenn ich weiter helfen soll, muß Gott
mich einfach vor einer Ansteckung schützen.« Denn den
ganzen Tag Mundschutz tragen, das könne sie nicht, dann wäre
sie nicht mehr die Mutter ihrer 100köpfigen Familie.
Spenden zu Unterstützung der Arbeit von Marianne Grosspietsch
können auf das Spendenkonto 1777713 bei der Deutschen Bank
in Dortmund, BLZ 44070024, Stichwort Shanti Leprahilfe überwiesen
werden.
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