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The Himalayan Times
Übersetzung aus der englischen Sprache

Kathmandu, 10. April 2005

Heimat mit Aussicht
Balazs Szasz

Eine deutsche Mutter, Frau Marianne Grosspietsch, reiste im Jahre 1974 zu einem dreiwöchigen Urlaub nach Nepal. Angesichts des Leidens in einer Lepra-Krankenstation beschloss sie, einen Jungen namens Puskal zu adoptieren, und brachte den Jungen nach Deutschland. Zehn Jahre später kam sie erneut mit ihm zurück, um seine Eltern zu besuchen. Als sie die kleine Hütte der Familie betrat, traf sie auf unbeschreibliches Leid – Mutter und Vater waren vom Spätstadium der Lepra gezeichnet. Puskals Mutter schritt auf ihren Sohn zu, erkannte ihn jedoch nicht – ihr Gesicht war von Lepra zerfressen und die Finger ihrer Hand zu taub, das Gesicht ihres Sohnes zu ertasten; die Stimme eines Jungen war ja auch zu einer Männerstimme geworden.

»Wir saßen in diesem Zimmer, wo seit zehn Jahren jeden Tag Puskals Foto mit einer frischen Blume geschmückt wurde, und weinten alle miteinander. In diesem Augenblick wusste ich, was meine Lebensaufgabe sein würde – Shanti, « sagt Marianne. Jetzt, mit ihren 61 Jahren, ist diese Frau zum reinen Dharma geworden und frei von allen unnötigen Formalitäten. Mit ihrem unermüdlichen Fleiß schenkt diese Frau völlig verzweifelten Leprakranken neue Hoffnung, und diese Menschen werden so zu einem Teil ihres Lebenstraums »Shanti«, der sich so wohltuend entwickelt hat. Die Erfolgsstory begann, als Krishna Gurung die Leitung der Station übernahm. Wo Marianne der Körper von Shanti ist, bildet Krishna seine Gliedmaßen. Dieser Mann sorgt für die tägliche Routine und setzt all das, was Marianne vorschwebt, in die Tat um – dabei gewinnt das Ganze auf ganz natürliche Weise an Form. Als Naturtalent im Führen von Menschen stehen ihm immer die Sorgenfalten auf der Stirn, wenn er an all die Menschen denkt, die von ihm abhängen. Ein kleiner Stab von unersetzlichen Mitgliedern der Shanti-Familie, wie Dr. Singh, Sabitri-didi, Nama-dai und die angeschlossenen Ärzte und das medizinisch-technische Personal, sorgt für eine Lebensgrundlage dieser Menschen und damit auch für ein angstfreies Leben und die Möglichkeit, menschenwürdig, fröhlich und anständig zu leben und zu lieben. Shanti (im Internet unter »shanti-leprahilfe.de«) lebt vom Team-Gedanken, der in Kathmandu wohlbekannt ist. Viele der Mitglieder, zum Beispiel Marianne und Krishna, stammen aus unterschiedlichen sozialen Klassen – und ihre Geschichte zeigt, dass es bei Shanti darum geht, die Sache anders herum anzupacken. »Viele internationale Hilfsorganisationen haben aus den Leprakranken unfreiwillig Bettler gemacht, die nur wegen ihrer Krankheit Hilfe bekommen und erfahren. Es ist hier jedoch wichtig, dass sie arbeiten und kreativ werden können. Unsere schwierigste Aufgabe war, diese Voreingenommenheit zu bekämpfen«, erklärt uns Krishna.

Shanti ist eine bunte Stätte, die vor kreativem Ausdruck sprüht. Die Hauptstation in Gaushala versetzt mich doch in Erstaunen, denn hier werden 500 Menschen untergebracht und versorgt, und weitere 500 finden hier eine würdige Berufstätigkeit. Ein weiteres Grundbedürfnis wird von Shanti erfüllt – die Gesundheit – eine kostenlose Klinik, wo bisher mehr als 150.000 Kranke medizinische Versorgung und Medikamente erhielten. Shanti betrachtet so grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Unterkunft, Nahrung und Arbeit als Hauptbedürfnisse, und hier wird Menschen, die an Lepra, Kinderlähmung, diversen Behinderungen oder auch nur »einfachen« Gebrechen leiden, eine Möglichkeit geboten, sich ein neues Leben innerhalb der Gemeinschaft dieses »Ortes der Energie« aufzubauen.

Es ist der ganzheitliche Aspekt, der Shanti von allen anderen Organisationen dieser Art unterscheidet; unter diesem tritt sie an die Probleme des Landes und seiner Bevölkerung heran und befriedigt auch das Bedürfnis nach Einzigartigkeit und Schönheit als ein Grundbedürfnis. In unserer schnelllebigen Zeit hält Shanti inne, legt die Ohren an den Erdboden und hört zu. Eine solch demütige und offene Gesinnung ehrt sowohl den Geist des Ortes als auch seine Bewohner. Shanti ist eine der seltenen Organisationen, die im Erdstaub den Diamanten zu erkennen vermögen und damit die althergebrachte Weisheit Nepals: hinter dem Horizont geht’s weiter. Überlieferungen aus alter Zeit und die althergebrachte Weisheit sind meist umweltfreundlich, menschengerecht und mit wenig Kosten verbunden, weil die Erfahrung von Tausenden von Jahren eines harten Überlebenskampfes sich als der beste Lösungsansatz herausgestellt hat.

Shanti hat einfach nicht die Mittel, mit den westlichen Industrieländern mitzuhalten, und geht daher einfach einen Schritt langsamer voran. Marianne hat das ganz richtig erkannt: »Weisheit kann man nicht kaufen, Weisheit stammt aus der Erinnerung.« Shanti nimmt in seinen Kreis alle auf, die durch die Krankheit Lepra als Millionen Samenkörner einer wertvollen Saat in die Hauptstadt geschwemmt wurden und ihre Traditionen, Kultur, Religionen und Gedanken mitgebracht haben. Shanti wird so zu einer Farbfülle und damit ein Gewächshaus für die Aufzucht und Pflege dieser seltenen Pflänzchen im reichen Mutterboden des Tales. Durch den Grundsatz der Lebensvielfalt ist das Mikroökosystem zu einem wundervollen Baum des Lebens, dem Sinnbild für diesen Standort, geworden.

 
 

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