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  Hier werden die rund Tausend Arbeiter und ihre Familien wirklich als Einzelner anerkannt. Die hervorragende Gabe Shantis und sein schönstes Geschenk an die Shanti-Bewohner ist die Chance, ihre eigene Persönlichkeit mit einzubringen. Die Arbeiten reichen von der Fertigung von seidenen Patchwork-Decken, die es wert wären, königliche Betten zu zieren, über Kleidungsstücke ausgesuchter Qualität für den Vertrieb an modebewusste Europäer bis hin zu dekorativ handbedruckten Briefpapieren, Glückwunschkarten und Schmuckgegenständen: das alles stammt aus den Händen von Rekha aus Süd-Nepal mit den Tattoos auf beiden Schlüsselbeinen, die die Maithili-Malkunst beherrscht, Ram aus den Bergen, der die traditionelle Rezeptur für einen Biodünger und ein Insektenvertilgungsmittel aus Rinderurin und Blättern eines einheimischen Baums lieferte, Laxmi, einer jungen Mutter aus Chitwan, deren gekrümmte Finger sich noch an das alte Geheimnis des Strohflechtens erinnern, Raju, einem Silberschmied aus Newari, der seine Mustern aus Altvätern Zeit mit westlichen Elementen verbindet, oder von den Webern aus Dhaka, die zum Klapperlied ihrer Webstühle arbeiten. Shanti findet für jeden einen Platz und eine passende Tätigkeit, so dass für jedes Erzeugnis ein besonderes Design geschaffen wird, das eine gelungene Mischung aus Erfahrung, Tradition und Fachwissen darstellt.

Krishna und Marianne strahlen um die Wette, als sie uns auf eine Rundtour durch Shantis Ökodorf Buddhanilkantha begleiten. Dieses Dorf ist nicht nur um Menschen herum gebaut, sondern bezieht auch die Natur in seine Gestaltung mit ein. Man hat einen alten Mangobaum vor der Axt schützen können, und nun spendet er nicht nur Schatten für ein neues Haus, sondern die behinderten Kinder in diesem Haus können auch Mangofrüchte essen. Im Shanti-Dorf bauen die Bewohner ihre eigenen Häuser und fertigen sogar ihre eigenen Ziegel. Das ist auf der einen Seite kostengünstig, macht die Menschen aber auch stolz auf ihre Arbeit und ihr Zuhause; außerdem sie werden immer dafür sorgen, dass das Dorf so schön bleibt, wie es ist. Es wohnt sogar ein prämierter Künstler im Shanti-Dorf, Jogendra; er zeichnet auf die Hauswände jahrhundertealte Muster vor, die die Frauen dann mit weißer Tünche ausfüllen. »Wir pflanzen nur Obstbäume, damit auch an kommende Generationen gedacht ist«, erklärt Marianne, während wir den Weg zur Küche entlang schlendern, der man den seltsamen Namen »Unterernährungs-Küche« gegeben hat; dort lernen Mütter, wie sie ihre Ernteprodukte in nahrhafte Malzeiten verwandeln, was sie anbauen sollen und wie sie dies am besten tun. »Unterernährungs-Garten« steht auf einem Schild an der Küche, wo einmal ein Rasen war! »Wir können uns keinen Rasen leisten«, sagt Marianne und beugt sich vor, um einen Strauß Blumen für die Bürovase zu pflücken. Krishna führt näher aus: »Jeder Fleck Boden wird für Gemüse gebraucht. Die ganzen letzten 16 Monate haben wir kein einziges Mal Gemüse kaufen müssen, und das mit täglich zwei Mahlzeiten für 586 hungrige Mäuler!« Marianne dreht sich zu uns um und beendet ihren Gedanken: …» und Rasen ist doch langweilig, oder?« Ihre Hände nun gefüllt, ruft sie uns aus den violetten Erbsenbüschen aufgeregt zu: »Warum müssen denn in Nepal mit seinen gottgeschickten drei Ernten pro Jahr und dem fruchtbarsten Humus der Welt noch Menschen verhungern? Doch nur, weil es am Gedankenaustausch und an der Planung fehlt«, sagt Marianne, als sie wieder zu uns stößt. Jetzt halten wir an der Schule an, und unser Gespräch dreht sich ganz naturgemäß um die Schulbildung. Hier scheut man keine Kosten, um die Waldorfpädagogik, eine sehr offene und naturbezogene Philosophie, einzurichten. Französischunterricht ist dabei auf dem Lehrplan kein Muss, wohl aber Stricken und Gemüseanbau. Shanti plant einwöchige Arbeitsgruppen für die Dorfschule, von denen sich jede als Projekt ein nepalesisches Erbe vornimmt. Das erste dieser Projekte ist die südnepalesische Maithili-Kunst, die man aus Janakpur und Umgebung kennt, das zweite die Sherpa-Region am Rande des Mount Everest. Eine Woche lang lernen Kinder und Jugendliche alles über eine ganz bestimmte Region und ihre Künste, ihr Kunstgewerbe und ihre Geschichten und Lieder, und als Lehrer wird ein Künstler der Shanti-Gemeinde aus dieser Gegend da sein. »Unsere Kinder sollen intelligente, kreative und geistig gefestigte Bauern und Handwerker werden«, erklärt Marianne. »Solange Menschen verhungern und das Land es für nötig hält, weißes Toilettenpapier aus Taiwan und rosarotes aus Indien zu importieren, kann Nepal mit der modernen Zeit des Internet nicht mithalten. Bis dahin brauchen wir also gute Bauern und Handwerker, die den Boden für eine Weiterentwicklung bereiten – nicht noch einen Ingenieur und noch einen IT-Fachmann, die ein solches Wissen in jedem Fall in die westlichen Industrieländer gebracht hätten.

»Viele der Erwachsenen in Shanti sind von uns abhängig, aber der Horizont ihrer Kinder ist weiter gesteckt. Deshalb investieren wir am meisten in die Kinder«, berichtet Krishna. »Wir wollen nicht als eine Form von Altenheim enden. Wir erwarten, dass wir die Kinder eines Tages zusammen mit ihren Eltern aus unserer Obhut entlassen können, so dass neuer Platz für neue Familien frei wird.« An jedem 23. eines Monats verfolgen alle mit Spannung und Sorge, ob Marianne den nächsten Monatsscheck über 25.000 Euro mitbringt, der alle Kosten decken kann. Nur die Hälfte dieses Betrags kommt von regelmäßigen Spendern. »Wie schaffen Sie das nur?«, fragen wir und trinken Bio-Ingwer-Tee aus Shanti-Eigenanbau. »Mit Fleiß und Mühe!« sagt sie. »Wird Shanti sich jemals selbst finanzieren können?« – »Nein.« – Bei Patienten, Kindern, Erzeugnissen oder Bäumen allein hört es aber nicht auf: es wird nichts ausgelassen. Abfall – dieses Wort gibt es bei Shanti nicht; im Gegenteil, man kann ihn sogar verwerten! Tuchabfälle werden zu den berühmten seidenen Shanti-Patchworkdecken zusammengenäht, Schösslinge mit Asche aus der Küche gedüngt, und selbst menschliche Exkremente sollen in nächster Zukunft in Biogas-Energie umgewandelt werden! Die Leprakranken, sozusagen der menschliche »Abfall« und bisher bar jeder Menschenwürde, kraftlos, welk und weggeworfen wie ein alter Tuchfetzen , wurden von Shanti in eine natürliche Energiequelle – das Licht – umgeformt und liebevoll in ein Gewebe eingeflochten, das zu einem leuchtenden Quilt aus bunter Vielfalt, Liebe und Glauben wurde – Shanti.

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