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Spagat zwischen Dortmund und Kathmandu: Dori Grosßpietsch-Rindle fühlt sich in Nepal nicht mehr als sorgloser Gast, sie ist in die Aufgabe hinein gewachsen: »Die Menschen geben mir mehr als ich ihnen.«
WAZ-Bilder: Helmeth Voßgraff

 

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Große Schwester: Für die 35-Jährige ist Shanti eine Familie.

 

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Die andere Seite – Armut in den Slums. Für die erbärmlichen Unterkünfte müssen die Menschen auch noch Miete bezahlen.

 

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Leben am Rande des Existenz-Minimums – in den Vierteln der Armen ist Hygiene ein Fremdwort.

 
 

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Samstag, 28. Dezember 2002

Keine Insel der Seligen – aber ein Hort

Dori Großpietsch-Rindle: Tochter will das Lebenswerk Ihrer Mutter weiterführen

Früher war sie nur die Tochter. Und zufrieden mit dem Gedanken, dass die Besuche in der Lepra-Station in Kathmandu Abenteuer ohne Verpflichtung waren. Vorbei. Mittlerweile bereitet sich Dori Großpietsch-Rindle (35) darauf vor, eines Tages in Nepal das Lebenswerk ihrer Mutter Marianne Großpietsch weiterzuführen.

Verantwortung zu übernehmen für das Unternehmen Shanti, das 800 Menschen die Chance gibt, in Würde zu leben. Und das heißt für viele der Patienten erst einmal – überleben.
Wie für die junge Ganga. Die Begegnung mit der jungen Frau bewirkte eine Wende in Doris Leben. Von nun an wusste sie, dass sie kein unbeteiligter Gast in der Shanti-Station sein wollte. Nicht »only daughter«, die am Himalaya Ferien macht und dann wieder ins Flugzeug nach Deutschland steigt.
Mit einer deutschen Freundin pflegte Dori die junge Nepalesin, die offenbar zum Sterben in die Station gebracht worden war. Die Freundinnen wachten bei der Todkranken, gaben ihr zu trinken, massierten sie vorsichtig. Am zweiten Tag musste Ganga reanimiert werden – sie hatte aufgehört zu atmen. An den dritten Tag erinnert sich Dori wie an ein Wunder. Sie öffnete die Augen und sagte: »Didi« – große Schwester.

In der 35-jährigen wuchs die Ahnung, dass der Spagat zwischen Deutschland und Nepal vielleicht doch zu schaffen sei. Freilich nicht ohne Ehemann Thomas Rindle, der sich darin bestärkte, aus den Besuchen in Kathmandu mehr zu machen als einen Urlaub mit caritativen Ambitionen. Und Ganga. »Sie hat mich zu einer Tochter und zu einer Schwester von Shanti gemacht.« Und: »Wenn man keine Freunde hat, kann man nicht kreativ sein.«
Zweimal im Jahr übergibt Dori die Kinder Maisha (7) und Noam (4) in die Obhut des Ehemannes und reist nach Nepal. »Meine Mutter ist die Visionärin – ich bin der Putzer.« Sie plant und organisiert. Und muss zuweilen Kraft aufwenden, Emotionen unter Kontrolle zu halten. »Es ist schon etwas anderes, ob man Elend im Fernsehen sieht – oder live vor Ort.« So hat sie gelernt, »einen gesunden Filter zu entwickeln. Ich kann meine Kinder in Dortmund nicht mit diesen Schicksalen erdrücken.« Trotzdem heißt der nächste Satz: »Ich liebe diese Menschen.« Und gemeint sind die Patienten von Shanti, die behinderten Kinder ohne Eltern, die misshandelten Frauen, die hilflosen Alten, die vor der Station ausgesetzt werden.
In Dortmund bereitet Dori Volontäre – junge Mediziner und Pädagogen – auf den Einsatz in Kathmandu vor. Die Arbeit ist begehrt. Auch für das kommende Jahr sind die Plätze ausgebucht, und viele kommen auch später wieder. Fasziniert von der Gemeinschaft mitten im Elend, die keine Insel der Seligen ist, aber ein sicherer Hort. »Es ist ein Geschenk, dass ich für Shanti arbeiten darf«, sagt Dori Großpietsch-Rindle. »Die Menschen geben mir mehr als ich ihnen.«

 
 
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