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Aber wir stoßen auch auf das Photo einer jungen Frau, die, als sie die Station gebracht wurde, schon schwach war, daß wenig Hoffnung bestand, sie durchzubringen. Frau Grosspietsch zeigt das Bild der abgemagert Frau in weißen Kissen, erzählt von ihr mit so viel herzlicher Wärme, daß man unwillkürlich ein Happy-End erwart Doch das bleibt aus: Die junge Frau starb nach wenigen Wochen. Eins wird bald klar: Die Helfer in der Leprahilfestation können Leid lindern und, wenn es gut geht, für ein bisschen Glück sorgen – Happy-Ends stehen nicht in ihrer Macht.
Aber der Reihe nach: Marianne Grosspietsch, heute 58 Jahre alt, gründete 1992 die »Shanti Leprahilfe Dortmund e. V.«, parallel dazu entstand in Kathmandu der Partnerverein »Shanti Sewa Griha« (der Name bedeutet schlicht Frieden- Dienst- Heim). Mit nur 15.000 Mark begann man eine Ambulanz zu errichten, gleich in der Nähe des großen Tempelbezirks Pashupatinath am Rande Kathmandus. Nur wenige Monate später begann man mit Hilfe von Lions International und des Bundesministeriums wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Bau einer zweiten Station am Nordhang des Kathmandu-Tales, in Budhanilkantha.
Heute werden von dem Verein etwa 800 Menschen betreut – davon »nur« etwa 380 ehemals Leprakranke. Zu den beiden Zentren zählen zwölf verschiedene Werkstätten, eine Klinik, eine Kinderklinik, eine Sterbeklinik, eine Armenambulanz, eine Obstplantage. Längst konzentriert man sich nicht mehr ausschließlich auf die Leprapatienten, denn in Nepal gibt es eine Menge anderer Gesundheitsprobleme: Sehr viele Menschen etwa erblinden schlicht wegen Vitamin-A-Mangels. Die Tuberkulose grassiert. Die Armut im Lande ist für den Europäer schwer vorstellbar; Nepal gehört zu den ärmsten Ländern dieser Erde.


Die Frage liegt nahe, warum ausgeheilte Leprapatienten in einer solchen Einrichtung leben und arbeiten sollen. »Wäre es nicht besser, sie in ihre Dörfer zurück zu schicken?« So wird Frau Grosspietsch manchmal gefragt.

Doch die Frage zeugt von Ahnungslosigkeit. Wer in Nepal an Lepra erkrankt, fällt ganz tief: Er ist ein Ausgestoßener. Der Unterschied zwischen noch infizierten und somit ansteckenden Menschen und den ausgeheilten, die die Spuren der Krankheit noch als Stigmata an sich tragen, ist nicht zu vermitteln. Frau Grosspietsch erzählt, was mit denen passiert, die es wagen, in ihre Heimatorte zurück zu kehren: Sie werden brutal aus dem Dorf geprügelt, schwere Verletzungen sind nicht selten. Ich betrachte das Foto einer Frau, der man die Nase eingeschlagen hat; ihr Gesicht wird nur durch eine kosmetische Operation wieder einigermaßen hergestellt werden können.
Nepal ist ein hinduistisches Land. Das bedeutet, daß es vom Kastenwesen beherrscht wird. Doch die Lepra macht alle gleich, ob Brahmane oder Paria: Wer Lepra hat, ist aussätzig.
Dabei ist es keineswegs so, daß die Erkrankten bei den ersten Symptomen nichts Eiligeres zu tun hätten, als in einem Krankenhaus um Hilfe zu bitten: Nein, viele der Menschen in ihren zivilisationsfernen Hochtälern neigen dazu, die Symptome so gut es geht zu verdrängen und zu verbergen. Daran liegt es, daß viele noch so schwere Verwüstungen durch die grausame Krankheit aufweisen.
Ich schaue die Alben an: viele Bilder von glücklich lachenden Menschen. Wenn Verstümmelungen zu sehen sind, so eher zufällig. Marianne Grosspietsch stellt das Leiden ihrer Schützlinge nicht aus. Ich betrachte das Foto eines Mannes, der mit Holzmodeln Tücher bedruckt – damit er überhaupt damit umgehen konnte, mußte man die Druckmodel mit großen Schlaufen versehen. Ein kleiner Trick – aber unendlich wirksam.
Unter den Fotos sind auch erschütternde: Etwa eine Frau, deren Kopf in unglaublicher Weise durch einen Tumor angeschwollen ist. Vielleicht wäre ihr durch eine Operation zu helfen – aber zunächst muß ein Arzt gefunden werden, der sie durchführen kann.

 
 
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