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Frühjahr 2011
Lebendig ist, wer wach bleibt
Sich den anderen schenkt
Das Bessere hingibt
Niemals rechnet.
Lebendig ist, wer das Leben liebt
Seine Begräbnisse, seine Feste
Wer Märchen und Mythen
Auf den ödesten Bergen findet.
Lebendig ist, wer das Licht erwartet
In den Tagen des schwarzen Sturms
Wer die stilleren Lieder
Ohne Geschrei und Schüsse wählt
Sich zum Herbst hinwendet
Und nicht aufhört zu lieben.
(Luigi Nono, aus seiner Oper „Intolleranza“)
Wenn du durch einen Sturm gehst,
halte deinen Kopf hoch!
Geh weiter durch Regen und Wind,
auch, wenn deine Träume
hin- und hergeworfen werden.
Hab keine Angst in der Finsternis.
Am Ende des Wegs
wartet ein leuchtender Himmel.
(Aus Amerika)
Liebe Freundinnen und Freunde unserer Shanti-Familie,
jedes Jahr neu ist der Frühling für mich ein befreiendes Erleben, ein Aufbruch nach dem dunklen und oft bedrückenden Winter. Von beidem werde ich Ihnen in diesem Brief erzählen.
Ich sitze in Kathmandu in einem Garten. Der Pfirsichbaum steht in voller Blüte, die leuchtend gelben Rädchen der Kalendula strecken sich dem Licht entgegen – in Nepal heißen sie Sonnenblumen –, und der Duft von Wicken und Freesien liegt in der Luft.
Die unterschiedlichen Ethnien feiern den Beginn des Frühjahrs mit bunten Neujahrsfesten, und die verschneiten Bergspitzen rund ums Kathmandutal zeigen sich klar in der Sonne.
Praticha
Für eins unserer Mädchen leuchtet dieser Frühling ganz besonders hell. Eines Tages kam ich zum Zentrum und merkte, irgendwie lag eine freudige Spannung in der Luft. Praticha lief strahlend auf mich zu und umarmte mich ganz fest. Dabei rief sie immer wieder: „I‘ve passed! I‘ve passed!“ (Ich habe bestanden!) Ich verstand erst nicht richtig, was sie meinte, doch dann erinnerte ich mich: schon im vergangenen Jahr hatte sie ihren Schulabschluss mit Auszeichnung bestanden.
Jetzt hatte sie die Aufnahmeprüfung für eine renommierte Schwesternschule geschafft: 40 Plätze standen zur Verfügung, 1.700(!) junge Frauen hatten sich darum beworben – und sie hat den 24. Platz bekommen!
Die Freude hatte alle Patientinnen und Patienten angesteckt – war es doch eine der Ihren, die diesen unglaublichen Erfolg hatte! Ein Kind leprakranker Bettler!
Nun setzten wir uns erst einmal in Ruhe hin und tranken Tee, und ich ließ mir ihre Geschichte noch einmal in Ruhe von Anfang an erzählen.
Pratichas Mutter ist Prem Kumari, eine unserer begabten Malerinnen. Sie hatte das Glück, eine Schule besuchen zu können. Doch als sie neun Jahre alt war, entdeckte ihr Lehrer erste Leprasymptome an ihr und warf sie brutal aus der Klasse. In ihrem Dorf getraute sie sich nicht mehr auf die Straße – sie versteckte sich zuhause aus Angst vor der Reaktion der Leute.
Mit 14 Jahren kam sie in die Klinik nach Pokhara. Dort werden leprakranke Patientinnen und Patienten operiert. Prem Kumari musste ihre Finger operieren lassen, denn die waren inzwischen zu Klauen verstümmelt.
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