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Juni 2007
Zum 15. Geburtstag
Möge Gott, unser Herr, jedem die Gabe geben,
zu singen vom Wachsen und Werden,
daß wir uns austauschen können,
daß wir ein großes Lied sind
in tausend Farben und tausend Worten,
aus allen Menschengeschichten,
aus allen Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Träumen.
Ein großes Lied, so groß, daß es im Himmel zu
hören ist.
Gar nicht mal so laut, aber so groß,
daß man im Himmel zurücksingt.
Wie ein Echo kommt es von oben zurück,
geht es hinauf und kommt es zurück.
Und wächst ineinander,
Nachricht auf Nachricht, Botschaft auf Botschaft.
Trauer und Freude, Argwohn und Hoffnung,
weltlicher Schmerz und Heiliger Geist.
Und die Erde wächst höher, und der Himmel wächst
tiefer.
Und Mensch und Tier und Frucht und Pflanze,
Wald und Strauch, Wiese und Wasser
werden eins in Gottes Hand und Geist in seinem Namen.
Möge Gott, unser Herr, jedem die Gabe geben,
zu glauben, zu hoffen, zu lieben.
Hanns Dieter Hüsch
Liebe Freundinnen und Freunde der Shanti-Familie,
diesen Brief an Sie schreibe ich mit ganz besonderer
Freude – ist es doch der Brief zum 15. Geburtstag von Shanti,
also: eine Erinnerung an all das, was Sie durch Ihr Vertrauen, Ihre
Großzügigkeit und Ihre Treue ermöglicht haben.
Eine Erinnerung – doch gleichzeitig auch ganz großes,
dankbares Staunen darüber, wie trotz vieler Anfechtungen, trotz
des zehnjährigen Bürgerkrieges, trotz der Vertreibung
von unserem ursprünglichen Standort am Tempel Shanti nicht
nur überleben, sondern wachsen und blühen darf.
Ich stelle mir vor, Sie und ich sitzen zusammen an einem großen
Tisch und blättern in unserem Shanti-Familien-Album. Zu einigen
Bildern erzähle ich Ihnen einfach die dazugehörige Geschichte.
Es soll also kein chronologischer Rückblick werden, sondern
ich möchte ein buntes Mosaik aus einzelnen, farbigen Erzählsteinchen
vor Ihnen aufleuchten lassen. Vielleicht können Sie sich das
Ganze dann ein wenig besser vorstellen.
Zuerst schaue ich mit Ihnen die Karte an, auf der Sie die drei Standorte
unserer Station finden, gekennzeichnet durch unsere Friedenstaube:
Buddhanilkantha, Sundarijal und Kathmandu.
Buddhanilkantha
Unser ältester Platz ist jetzt Buddhanilkantha,
am Nordhang des Kathmandu-Tals gelegen. Viele Besucherinnen und
Besucher empfinden es als Oase, wenn sie aus dem riesigen, lauten,
schmutzigen Kathmandu dorthin kommen.
Anfang 1993, ein halbes Jahr nach unserer Gründung also, haben
wir das gut 11 Hektar große Stück Wald gekauft. Mühsam
war es, die elf oder zwölf verschiedenen Besitzer so weit zu
bringen, dass sie sich auf einen einigermaßen akzeptablen
Preis einigten.
Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich am Tag nach der
Eigentumsübergabe unser Stück Wald anschauen wollte und
nur einen kahlgeschlagenen Hang vor mir sah! Die Bauern hatten sämtliche
Bäume gefällt mit der Begründung, wir hätten
ja nur das Land gekauft, nicht aber die Bäume!
Vor meinem geistigen Auge sah ich sofort, wie der nächste Monsun
die wertvolle Erdkrume herunterspülen würde.
Da erfuhr ich, was Hölderlin einmal schrieb: »Wo aber
Gefahr ist, wächst das Rettende auch.«
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